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 Ralf Hiener & Olaf Schnelle

 

Der zweite Mann

Nun, nachdem Sterne, Mützen und Bestecke vergeben sind, strahlen sie in die Fotoobjektive der beeindruckten Presse, schwenken Champusgläser auf Teufel komm raus und besaufen sich mehr oder weniger heimlich, weil sie es mal wieder geschafft haben. Die Rede ist von den Küchenchefs. Die weniger Glücklichen, ungerecht beurteilten, degradiert und abgewatschten schmeißen derweil Ihren Souschef raus, womit wir beim Thema wären.
Souschefs sind nämlich grundsätzlich an allem Schuld. Zumindest dann, wenn was schief geht.
Souschef, das sind die mit der notorischen Arschkarte, wenig Lohn, kaum Lob, keine Ehre, überhaupt kein Ruhm (vielleicht später einmal). Souschef ist so etwas wie die letzte Enklave der Sklaverei.
Souschefs das sind die, die als erster kommen und als letzter gehen, sich mit bockigen Azubis rumschlagen und unzuverlässige Commis auf ihrem Posten ersetzen müssen. Es sind die, die sich mit hinterlistigen Lieferanten zu plagen haben und sich was einfallen lassen müssen, wenn irgendetwas kaputt geht. Ein richtiger Souschef kann nämlich nicht nur super gut kochen, sondern ist fit in Elektroinstallationen, Klempnerarbeiten, der Beseitigung von Verstopfungen im Abflussrohr, erste Hilfe und möglichst hellseherischer Fähigkeiten. Es geht beispielsweise nämlich auf sein Konto, wenn die angesagte Gruppe anstatt mit 12 nun plötzlich mit 22 aufkreuzt, so etwas hätte man ja, nein, muss man schließlich ahnen.
Souschefs sind die, die dafür schwitzen, dass Madame, die in stundenlanger Arbeit liebevoll drapierte Gemüse-Charteuse knapp angebissen zur Seite schiebt, weil Ihr gerade eingefallen ist, dass ein gewisser Herr Siebeck oder Dollhase solche Gebilde neulich als kitschigen Fitchepup verunglimpft hat! Angesichts des in den Mülleimer abgeräumten Kunstwerks steht er dann da, mit puterrotem Kopf und überlegt, ob er mit dem Kochmesser in den Gastraum gehen soll oder ersatzweise einen Lehrling in Streifen schneidet (Alle Souschefs entscheiden sich übrigens für den Azubi)
„Jawulll Chef, sofort Chef, ich eile Chef, .....! Nie, wirklich nie, kann der Souschef dem Küchenchef etwas recht machen. Lob, oder was noch besser wäre, unerzwungene Ausreichung monitärer Anerkennung sind beinah so abstrus, wie die Vorstellung von Osama bin Laden im Honey Moon. Loyal bis in den Tod hängt der Souschef am Schür-zenzipfel des Küchenchefs und findet alles was jener so treibt vergötterungswürdig. Jedenfalls sieht der Küchenchef es so.
Die Wahrheit kommt nur an den Tag, wenn sich zwei Souschefs am Tresen treffen! Parallele Freizeit kommt bei Sklaven zwar selten vor, aber wie man weiß, sind Momente der hehren Wahrheit sowieso rar und solche Ereignisse, zwei entspannte Souschefs, machen da eben keine Ausnahme. Bis zum dritten Bier wird man sich über Allgemeinplätze, die Branche betreffend, austauschen. Beliebte Themen der Einleitung sind die Beschimpfung des Servicepersonals im Allgemeinen und Speziellen, Auflistung verfluchungswürdiger Lieferanten, Publikumsbeschimpfung, Personalkarussell etc..
Zu hohe Bewertung der eigentlich schlapp kochenden Konkurrenz und zu niedrige der eigenen, eigentlich überirdischen Kochkunst durch die Restaurantführer und Fressjournalie sind beliebtes Thema um das fünfte Bier. Mit erstem aufkommendem Lallen wird noch schnell etwas gelogen, die (enorme) Frequentierung der eigenen Lokalität betreffend um dann über ein „aus dem Nähkästchen plaudern“ (gelegentliche Verwendung von TK Produkten, Glutamat und Zuckercouleur) sich dem ritualem Höhepunkt des Abends zu nähern.

Praktischerweise braucht man sich nicht mit einer Grundsatzdiskussion darüber aufzuhalten, dass der jeweilige Küchenchef eigentlich überflüssig ist. Darüber sind sich alle Souschefs der Welt einig.
Einmal warmgeplaudert kann man, je nach Grad der zwischenzeitlich erreichten Enthemmung, gleich mehr oder weniger detailliert zur Sache kommen. Vielleicht wählt der eine oder andere, zwecks Checkung der Konspirationsfähigkeit seines Gegenübers, zunächst noch den Umweg über die Charakterisierung der Chefin, die ja in aller Regel der Gruppe des Erzfeindes „Service“ zuzurechnen ist, mithin wird deren Beschimpfung die Konsensfähigkeit kaum strapazieren.
Nun würde die souschefseitigen, auf Küchenchefs anwendbaren Schmähungen die kapazitiven Möglichkeiten dieses Forums, wenn nicht gar des Internets sprengen. Im Ergebnis lässt es sich jedoch sehr einfach auf einen Punkt bringen. Er macht das, was der Souschef auch macht. Alles falsch! Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Chef auch einmal Souschef war, mithin reichlich Übung darin hat, alles falsch zu machen (das ist aber nur eine, wissenschaftlich nicht belegbare, Vermutung von mir).
Das Ende des Abends würde unweigerlich und unabhängig vom Grad der zwischenzeitlich erreichten Trunkenheit, mit der horrorbeladenen Vision der eigenen, unabwendbaren Mutation zum Küchenchef enden! Der grimmige Schwur, alles besser zu machen wie der Alte, hätte dem Abend einen würdigen, glanzvollen Abschluss verliehen, bevor man sich anderen Lieblingsthemen gewidmet hätte, denen man sich in trauter Herrenrunde halt so widmet.
Vor diesem Absturz ins Profane wird jedoch rettend das Telefon klingeln, der Barkeeper einem der beiden Herrn den Hörer mit breitem Grinsen (der Barkeeper war auch einmal Souschef) überreichen. „Ihr Chef!“
Chefs haben die Eigenart Ihre Souschefs immer und überall zu finden! „Ich weiß ja, dass Sie eigentlich Ihren freien Tag haben, aber für morgen Mittag hat sich ein Bus Japaner angemeldet und ich muss mit Direktor Knurpsig eine Runde Golf spielen, der Mann ist wichtig! Könnten Sie vielleicht.......“
Die Disziplin wird den Kampf gegen die alkoholbedingt aus den Fugen geratene Kinnlade gewinnen und lässt ein etwas gekautes: „ kein Problem Chef“ vernehmen.
So ist recht.

Michael Laumen

 



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