Immer neue Krankheiten treten epidemieartig auf. Überall. Damit ist nicht etwa so was läppischeswie die Schweinegrippe gemeint. Ich meine so was wie Morbus Pilcher, was sich zum Beispieldaran festmachen lässt, dass vornehmlich weibliche Leser Bücher wie Harry Potter, diese albernen Biss-Bücher oder eben die Werke der diesem Gebrechen den Namen gebenden Literatin trotz des reduzierten Informationswertes geradezu süchtig verschlingen. Oder Morbus Friedmann, von dem ich gelesen habe, dass er anhand zwanghaftem, tagelangem liegen auf der Sonnenbank zuverlässig diagnostiziert werden kann. Es wäre nun ein Wunder, wenn sich die Kulinarik im Allgemeinen vom Trend zu neuen bzw. neu entdeckten oder als solches nun endlich erkanntem Siechtum hätte völlig abnabeln können. Hierzulande möchte ich dafür beispielhaft Morbus Bockwurst anführen. Die Ähnlichkeit zu Morbus Pilcher ist frappierend, handelt es sich doch in beiden Fällen um den Verzehr eigentlich inhaltsleerer Hüllen. Anders als im Falle des Morbus Pilcher, sind von Morbus Bockwurst jedoch eher männliche Zeitgenossen bedroht. Ich führe das darauf zurück, dass sich Männer halt mehr für Technik und Chemie interessieren. Der Zusammenhang wird ihnen gleich klar werden. Bockwurst ist so etwas wie die nordelbische Antwort auf Ferran Adriàs Molekularküche (Morbus Chi Chi), wobei man sich hierzulande natürlich auf Wesentliches beschränkt. Im Fall der Bockwurst bedeutet dies versalzenes Wasser schnittfest zu machen. Über die sonstigen Ingredienzien herrscht Verschwiegenheit. Vermutlich auch deswegen, weil es niemand wirklich wissen will. Jedenfalls soll es Bockwursthersteller geben, die es schaffen, neben viel schnittfestem Salzwasser und etwas totem Glibberschwein deutlich über 300 der 400 zugelassenen so genannten Nahrungsmittelzusätze in so eine kleine Bockwurst zu zaubern. Davon kann sich der weltberühmte Katalane bitte schön, eine Scheibe abschneiden.
Bockwurst ist ernährungsphysiologisch und kulinarisch in punkto Nutzlosigkeit von nichts zu übertreffen. Gleichwohl gibt die Bockwurst dem Mecklenburger und Vorpommern in einer ansonsten unsicheren Welt wohl irgendwie Halt, weswegen die Bockwurst anderen traditionellen Nahrungsmitteln wie Räucheraal, fettige Brat-Kartoffeln, Döner, Pizza und Pfanni Tüten-Pürée längst den Rang abgelaufen hat. Schon ein kleiner Warnstreik in der Bockwurst-Industrie könnte das Land innerhalb kürzester Zeit an den Rand einer Hungerkatastrophe führen! Da sich eine entwöhnte Darmflora nicht so ohne weiteres umstellen lässt und die Verabreichung von Gemüse, das weniger als die landesüblichen ein bis zwei Wochen Kochzeit hinter sich gebracht hat, bei schätzungsweise 35% der Bevölkerung vermutlich zu epidemischer Diarrhö und Dehydration führen würde, könnte ein solches Ereignis die Verödung der Region nachhaltig beschleunigen.
Das will natürlich niemand. Insofern kann man der Bockwurst getrost eine grandiose Zukunft prophezeien und bis zur ersten Bio-Bockwurst oder Original Rügenwalder Tofu-Bockwurst dauert ´s sicher nicht mehr allzu lange. Die beim Biss in die Bockwurst hierzulande oft zu hörende Floskel „nützt ja nichts“, ist in diesem Zusammenhang jedenfalls als gut fundierte Aussage zu betrachten. „Nützt ja nichts“ möchte ich aus diesem Grund auch nicht als eigenständige Morbus Kategorie klassifiziert sehen, es ist eher als Symptom des Morbus Bockwurst zu betrachten, ähnlich wie das ebenfalls oft zu beobachtende ungesunde Aufstoßen nach dem Verzehr! Das unangenehme daran ist, dass die Betroffenen nun zwanghaft zu jeder Gelegenheit „nützt ja nichts“ sagen. Deswegen hört man, der kausale Zusammenhang wird so begreifbar, diese Floskel hierzulande, nennen wir es einmal „recht oft“. Böse Stimmen behaupten, dass mit der Streichung der Worte „nützt“, „ja“ und „nichts“ ein signifikanter Anteil der Betroffenen um ca. 50% ihres Wortschatzes gebracht würde. Wenn Ihnen also jemand begegnet, dessen Beitrag zum Dialog vorrangig aus „nützt ja nichts“ und Variationen zum Thema „nützt ja nichts“ besteht, raten sie ihm einfach den Bockwurst Verzehr auf ein vernünftiges Maß zu beschränken. Wie man gesehen hat, sind ja selbst Raucher therapierbar. Besonders gefährlich scheint mir, das möchte ich noch in Erwähnung bringen, der Verzehr des fein haschierten Knorpels im kalten Zustand zur Frühstückszeit, womöglich auf nüchternen Magen, zu sein. Diese finale Verfallserscheinung menschlicher Zivilisation habe ich schon mehrfach beobachten müssen. In diesem fortgeschrittenen Stadium sind für den Delinquenten vermutbar alle Messen gesungen. Aufstoßen wird durch permanenten Mundgeruch mit einem pH Wert unter 5 abgelöst und anstatt „nützt ja nichts“ beschränken sich die Konversationsbeiträge in aller Regel auf „Hä“.
Ist es soweit gekommen, verabschiedet man sich besser, weil da dann wirklich nichts mehr nützt.
Juli 2009
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