Neuerdings kündigt sich das angeblich besinnliche Weihnachtsfest regelmäßig durch einen Glühwein-Tsunami an, der unbarmherzig über dieses wie übrigens auch über alle anderen Bundesländer hinweg schwappt und dabei Kollateralschäden beträchtlichen Ausmaßes hinterlässt. Die einzig positive Erkenntnis dabei bleibt: Endlich etwas, das alte und neue Bundesländer eng verschweißt. So sind akute Notstände also doch auch immer zu etwas gut!
Die den Tsunami auslösende Eruption nennt sich umgangssprachlich Weihnachtsmarkt. Eine sich, wie Mehltau, bis in die letzten Winkel der Nation ausbreitende Plage, gegen die anscheinend kein Kraut gewachsen ist.
Gerade eben der sommerliche Drangsalierung durch Dorf-, Fischer- und sonstige Feste aller Art entgangen, die idyllische Dorfkerne durch das Aufstellen von Buden und Klein-Karussellen in verlärmte, in aller Regel übel riechende „no go aereas“ verwandelt, vermiesen einem die vermutlich gleichen Leute, die angeblich ach so besinnliche Jahresendzeit. Durch die Verlegung von beleuchteten Tannenwäldern in den Innerstadt- bzw. Dorfbereich, beraubt man nicht nur die heimische Fauna letzter Rückzugsgebiete, sondern eliminiert auch die Chancen des normal neurotischen Innenstadtbewohners, seine Herbst-Depri angemessen auszuleben. Man weiß wirklich kaum noch, was man als skandalöser empfinden soll.
Wer nun glaubt, dass es sich bei Weihnachtsmärkten um eine mehr oder weniger zufällige Ansammlung raffgieriger Kleingewerbetreibender handelt, dem sei gesagt: mitnichten.
Weihnachtsmärkte sind wohl organisierte Rudel, die mit infamen Tricks den Leuten ihre letzten Hartz 4 Groschen aus der Tasche ziehen.
Zunächst vertraut man auf die Instinkte der lieben Kleinen, die genau wissen, dass kein Erwachsener Mensch Lust hat, eine solche Veranstaltung freiwillig zu besuchen. Den kleinen Rackern bieten Weihnachtsmärkte mithin ein ideales Feld für Rollen- Macht- und Positionie-rungsspielchen innerhalb des trauten Familienkreises. Schon Wochen vor der Eröffnung, sobald im August die ersten Schokoladen-Weihnachtsmänner und Christ-Stollen in den Warenhäusern zu entdecken sind, beginnen die süßen Kleinen damit, unerbittlich auf den Besuch „ihres“ Weihnachtsmarktes zu insistieren.
Die damit verbundene Entnervung ist Teil des perfiden Plans. So vorbereitet wird der psychisch bereits geschwächte Familienverbund ein leichtes Opfer. Das Gemisch aus gefühlsduseligen Weihnachtsliedern und dem penetranten Geplärre aus den Lautsprechern der Schausteller, treibt die Sensibelsten schon am Zugang in die Fänge der allgegenwärtigen Glühwein-Stände. Dessen süßlich klebriger Odeur wabert wie Kampfgas durch die Gassen. Schon beim Verlassen des Zuges im Bahnhof weiß man gleich: „Ahh, ein Weihnachtsmarkt!“ und kann je nach Gusto gleich wieder einsteigen oder sich seinem ansonsten absehbaren Schicksal ergeben.
Weil`s dun sein sonst nicht schnell genug geht, mischen die Händler dem Glühwein neuerdings gerne süßliche Liköre und Aromaten bei, die sämtliche Geschmackspapillen akkurat verkleistern und wichtige Funktionen des zentralen Nervensystems zuverlässig außer Gefecht setzen. Das kommt den Anbietern der archetypisch auf Weihnachtsmärkten angebotenen Viktualien sehr entgegen.
Spätestens wenn der Filius durch „Luft anhalten“ oder einen hysterischen Schreikrampf seine Eltern zum Kauf mehrerer Eimer Lose zwingt, um einen ca. 1,80m großen lila Plüschbären zu ergattern, zieht es auch die hartnäckigste „Mutti“ an den Glühweinstand um aufkommende Hassgefühle gegen das eigene Fleisch und Blut in Glühwein zu ertränken.
Im Verbund mit Brat- oder Bockwurst, fettigen Kartoffelpuffern, Zuckerwatte und kandierten Äpfeln ergeben sich molekulare Konfigurationen, die schon so manchen Stoffwechselhaushalt vor ernsthafte Probleme gestellt haben. So konditioniert und kurz vor dem endgültigen Kollaps, fällt der nun auch physisch angeschlagene Familieverbund dem Angebot von völlig nutzlosem Firlefanz, welcher das ganze Jahr über in jeder Ramschbude für ein Drittel des Preises zu haben ist, willig zum Opfer. Asiatische Anbieter von original sächsischen Weihnachtspyramiden soll man schon dabei erwischt haben, das sie schon zur frühen Mittagszeit „abel de Lubel de lollt“ gesungen haben, was allgemein als geschäftsschädigend erkannt und mit Verbot belegt wurde.
Einige findige Bürgermeister versuchen im Sommerhalbjahr die Attraktivität für Besucher durch das Aufstellen von Schildern am Ortseingang wie „Heute kein Dorffest“ zu steigern. Ich bin sicher, dass ein Hinweis auf nicht stattfindende Weihnachtsmärkte eine echt Saison verlängernde Maßnahme darstellen würde. Das müsste man mal jemandem vom Tourismusverband sagen.
In diesem Sinne
Frohes Fest
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