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 Ralf Hiener & Olaf Schnelle

Kolumne - Kann man als Immigrant glücklich sein?

Ja! Ach nein doch nicht!

Eigentlich ist das mit dem Umstand verbundene Lebensgefühl mit anfänglicher Einlassung bereits hinlänglich beschrieben. Aber gute zehn Jahre in der titelgebenden Funktion und das auch noch in Mecklenburg Vorpommern verdienen, nein schreien nach etwas mehr Differenzierung. 1991, daß war die Zeit wo man als westdeutscher Immigrant noch pures Erstaunen bei der einheimischen Bevölkerung auslöste, allerdings immer spürbar verbunden mit dem Gedanken, "was mag der wohl zu Hause ausgefressen haben?".

Für einen Rheinländer mit notorischer Aversion gegen Schunkeln und Musik die zum Schunkeln taugt, ist die Geschichte kurz erzählt. Man gilt als dortzulande ohne zwanghaften Drang zur bierseeligen Geselligkeit schnell als schwer sozialisierbar, wenn man dann auch noch weder einen Hang zur Lautstärke hat und sich auch nicht an den ewigen Diskussionen über mehr oder minder schwere Zipperlein (volkstümlicher Ausdruck für Krankheiten) beteiligen möchte, wird man schnell zum Parias. Man muß sein Bier am Tresen alleine trinken und bekommt auch sonst einen Haufen Probleme. Es gibt dann Lebensabschnitte, wo all dies fokussiert und zum Entschluss führt: "Auf nach New York!". Bei anderen wird eben Krakow am See daraus. (Zumindest in Zahlen betrachtet ist die Auswanderung von Rheinländern in den Großraum New York, das sollte mal gesagt werden, im Vergleich zur Auswanderung nach Krakow ein eher volkstümlicher und unorigineller Vorgang. Jedenfalls noch!) Darüber hinaus hat mir in meinem speziellen Fall, eine Zigeunerin im Madrilenischen Stadtpark, weit vor der Zeit als ich überhaupt von der Existenz Krakows wußte, aus der Hand gelesen und mir dringend zum Verlassen meiner Heimatstadt (seinerzeit Krefeld) zugeraten. Vielleicht war es auch die etwas freie Übersetzung meiner spanischen Begleiterin, die anscheinend ein Auge auf mich geworfen hatte, die Ursache des dringlich empfohlenen Ortswechsels. Wie auch immer. Auch wenn sich alle anderen Prophezeiungen schnell als schierer Unsinn herausgestellt hatten, es konnte mich nicht daran hindern, die Unkenruf der Zigeunerin bei jeglicher Unbill aus dem Gedächtnis hervorzukramen. Irgendwann kommt einem unter solchen Umständen dann sogar ein Umzug nach Krakow am See als völlig normal vor.

Da sich zur sogenannten Wendezeit kaum ein Immigrant vorstellen konnte, daß es außer ihm noch andere Immigranten in diesen Teil, ja war es damals überhaupt schon Deutschland, verschlagen hätte, wähnte man sein gegenüber prinzipiell als Eingeborenen. Insbesondere unter den Temporär- und Teilzeitimmigranten gab es einen beträchtlichen Anzahl, welche die geschichtlichen Defizite des Kaiserreiches aufzuarbeiten versuchten und sich endlich in der Rolle des Kolonialoffiziers erproben konnten. Bei solchen Zeitgenossen war es dann schon etwas, wenn man nicht ohne viel Federlesen sofort geduzt wurde. Dies führte bei der Kaste der nunmehr politisch Verfolgten, also den dem Klassenfeind nunmehr schutzlos ausgelieferten SED Kader, zu anhaltend unharmonischen Schwingungen und nachhaltiger Gnatzigkeit. In jener Zeit entstand der bei jeder Gelegenheit trotzig vorgetragene "und der Sozialismus wird doch noch Siegen" Blick. Dieses Problem, damit ziehe ich ein erstes Fazit, wird nur demographisch gelöst werden können. Diese Leute werden es den Imperialisten auf ewig übel nehmen (übel nehmen ist übrigens deren Lieblingsbeschäftigung), daß man nicht wenigstens ein paar von ihnen an die Wand gestellt hat. Wenigstens hätte man Milke ja den linken Arm brechen können, um echte Empörung zu stiften. Statt dessen hat man ihm und alle anderen in übelster Manier mit ordentlichen Pension und Renten ausgestattet. Man muß zugeben, daß ein solches Verhalten unverzeihlich ist.

Nachdem die gesamte Urbevölkerung östlich der Elbe mit Versicherungspolicen ausgestattet und hinlänglich darüber aufgeklärt worden war, daß sie noch viel zu lernen hätten und selbst die TLG nichts mehr gefunden hat was sie noch final ruinieren könnte, verschwand die Spezies der Kolonialoffiziere eben so schnell wie sie seinerzeit aufgetaucht war. Weder wir echten Immigranten noch die Urbevölkerung vermissten sie wirklich, wir mußten jedoch nun alleine den Kampf mit einer für uns rätselhaften Welt aufnehmen. Allerdings hatte man einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber denjenigen Einheimischen, welche die vermeintliche Gunst der Stunde zur wirtschaftlichen Furore nutzen wollten. Westimmigranten wurden nicht mit dem ansonsten üblichen "Du glaubst wohl du bist was Besseres" gedeckelt und wirtschaftlich boykottiert. Solche Bestrebungen nach wirtschaftlichem Erfolg, wurden als für einen Westmenschen wohl typisches Verhaltensmuster irgendwie akzeptiert. Entgegen den sonst üblichen Gepflogenheiten in den eigenen Reihen, wurden wirtschaftliche Erfolge sogar dezent beklatscht, jedenfalls solange, bis jemand anfing richtig reich zu werden. Selbst das merkwürdige Unterfangen im zweitärmsten Landkreis Deutschlands ein Gourmetrestaurant zu eröffnen fand vor Ort mehr Verblüffung als Ablehnung vor. Zwar muß sich bis heute jeder zweite, der im Ort nach dem Weg zu uns fragt anhören, daß das Weiterfahren wohl nicht lohnt, weil die (also wir), bestimmt längst pleite sind. Das liegt wahrscheinlich daran, daß noch nie einer da war, den man ernsthafterweise als Krakower bezeichnene könnte (also jedenfalls recht selten und dann immer dieselben). Man befürchtet in diesen Kreisen wahrscheinlich (übrigens völlig zurecht), daß die Schnitzel bei uns weniger als 3cm über den Tellerrand hängen, nicht aus Schweinefleisch bestehen könnte und mit Bratkartoffeln geknausert wird. Bratkartoffelknausern bedeutet hierzulande übrigens weniger als ein Dreiviertel Pfund pro Portion. Zweites Fazit. Ich hatte bis zu meinem 45. Lebensjahr die Menschen vom linken Niederrhein für unschlagbar in punkto Ignoranz in Bezug auf kultiviertes Essen gehalten. Ich habe mich geirrt.

Aber immerhin, es ging aufwärts, wenn auch langsam. Kohls Blühappelle wurden zwar nicht so richtig umgesetzt und alles auf Pump und aus der Portokasse erledigen zu wollen war aus heutiger Sicht wohl auch kein so guter Gedanke. Seit 1998 hat sich dann aber eine neue Regierung für den Osten etwas besonderes ausgedacht und sich daran gemacht, den ostelbischen Mitbürgern ein neues altes Heimatgefühl zu vermitteln. Die Wandlung der BRD in eine Art DDR de luxe. Brauchten die alten Genossen noch 40 Jahre um Ihren Staat in ein miefiges Pleiteimperium zu verwandeln, braucht der moderne Sozialist der Neuzeit hierfür nur noch 4 Jahre. Im Kapitalismus ist eben alles viel effizienter, auch desaströse Umverteilungsmentalität. Ruinen schaffen ohne Waffen mit dem Obi-Softbohrer für 15 Volt Windradstrom aus der ökologisch einwandfreien Balsaholzsteckdose aus einem Entwicklungshilfeprojekt in Kamerun. Way down. Leider würde es den Ostdeutschen dieses mal nichts nützen, die Staatspleite verbissen zu leugnen. Diesesmal würde keiner mehr dasein, der zuhört.

Andererseits muß man aber auch zugeben, Regierung und Staat nehmen einem heute wirklich schon vieles ab. Mußte man früher noch selber Fehler machen um Pleite zu gehen, geschieht dies heute ohne das es hierzu noch nennenswerter persönlicher Anstrengung bedarf. Ein Millionen zählendes Heer von Beamten und partizipierender Schranzen und Funktionäre wälzt nach seinem Marsch durch die Institutionen sein breites Gesäß über das ganze Land und versucht sich laut pupend und Verordnungen speiend im Ersticken auch noch des letzten Rest´s von Bürgersinn, Unternehmergeist und kultivierter Zivilisation. Als Koch koche ich, wenn ich sehe, daß andere für abkochen viel mehr bekommen als ich für´s kochen.

Als letztes Fazit: vielleicht doch besser New York? Ja!! Ach nein doch nicht!

 

Herr Laumen



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