Frieda Müller echauffiert sich via Leserpost über diarrhöische Hühner, die ihre Spuren in Form eines mit dynamischem Schwung aufgetragenen Saucenspiegels auf einem auch ansonsten kunstvoll angerichteten Teller zeitgenössischer Küchenkunst hinterlassen haben. Abgelichtet für eine Hochglanzgazette. Aufgetröpfelte Saucenspiegel sind nicht Frieda Müllers Fall. Friedas Fazit: "...und über so einen Mist schreiben Sie!" Adressat Wolfram Siebeck meint dazu, Recht hat sie, die Frieda.
Ich gehe zu meinem Bücherschrank und ziehe ein sehr abgegriffenes Buch. "Wolfram Siebecks Kochschule für Anspruchsvolle" heißt der Titel. 1976; Erstausgabe! Zarte 26 Jahre war ich damals und dieses Buch wurde zu meinem Schlüssel. Vorher fand ich meine knoblauchschwangeren, mit Hackfleisch gefüllten Zucchini toll und beeindruckte manches Mädel mit meinen kühnen, libidinös motivierten Künsten am Wok. Wolfram war mein Retter aus diesem Pfuhl und ich fing damit an, reputierte Weinhändler zu belästigen und machte mich in meiner Julia Super auf den Weg ins Elsass und ins Badische, dem göttlichen Epikur dicht auf den Fersen. Jawohl, Wolfram ist schuld an meiner zu leichtem Übergewicht führenden Infektion und !! letztlich am ersten Michelin Stern für Mecklenburg Vorpommern, den ich für meine gefüllten Zucchini nie bekommen hätte! –und jetzt das!
Frida hat recht, meinte Wolfram Siebeck schon, als sie sich vor zwei, drei Jahren gegen die aufgeschäumte Sauce auflehnte, mit der Deutschlands Spitzenköche landauf landab u.a. knackig gekochte Gemüse drapierten und mit dem Stabmixer Saucen ohne Bindemittel daran hinderten, ungehemmt auf dem Teller zu mäandern und so jegliche Anrichte zunichte zu machen.
Kitschige Fitschepuperei nennt er so was nun. Den ersten Fitschepuper erwischt man dann schon einige Seiten vor Siebecks Kolumne, im Feinschmecker Nr. 12 des Jahrgangs 2002. Fitschepuper des Jahres, ohh Entschuldigung, Koch des Jahres, Claus Peter Lumpp präsentiert Fitschepup in vier Variationen, einmal mit Hühnerdiarrhö und einmal mit Schaumsauce, und- halten Sie sich fest, sogar einmal mit zwei Saucen, einmal mit und einmal ohne Schaum. Was würde unsere Frieda dazu wohl sagen? Aber vor allen Dingen, was will uns Wolfram wohl damit sagen, wenn er uns nun plötzlich sagt, was Frida sagt? Früher hat Wolfram Frida immer ignoriert oder sich über sie und ihre dicken unschaumigen Saucen lustig gemacht. Das hat er mit Manfred Kohnke gemeinsam, der ebenfalls aufgeschäumte Sauce verabschäumt (haha), aber Frida gleichwohl immer noch nicht mag. Millaut Chef Manfred Kohnke mag auch nur solche Köche, die Frida nicht mag, wenn man einmal unterstellt, daß Frida niemals ins "el Bulli" gehen würde. So ungefähr ein Dutzend Edel-Fitschepuper-Köche gibt es hierzulande, schreibt er. Die anderen 1200 in seinem Buch aufgelisteten Weißkittel müssen dann ja wohl der Kategorie Frida-Köche zugerechnet werden, oder wie? Nachzulesen in einem unlängst in der "Die Welt" erschienen Artikel, dessen Duktus dann im Internet Forum von Gustav Volkenborns Restaurant Hitlisten zu einer neuen Form der "war games", den "Kohnkischen Kriegen" geführt hat.
Achim Becker, seines Zeichens gastronomischer Ressortchef des Feinschmeckers schreibt, übrigens in der gleichen Ausgabe in der die o.a. Siebeckschen Kolumne erschien: Frida ist nicht berechenbar! Ich sage: Recht hat er! Wie mit vielem anderen auch, was er da in einem äußerst lesenswerten Artikel schieb. Er findet z.B., daß es in Deutschland stattliche 400 Nicht-Frida-Köche gibt! Er hat in seinem Restaurantführer also nur 800 Frida-Köche, diese zwar auch der Monotonie beschuldigt, immerhin verzichtet er aber darauf, Schaumsaucen und Hühnerdiahrrö zu verunglimpfen. Sein Zorn richtet sich gegen Creme brûelée und, da hat er nun wirklich Recht, Lamm unter der Kräuterkruste! Das wird allerdings Frida nun wiederum nicht gerne hören, weil sie Lamm unter der Kräuterkruste nun schon seit 20 Jahren gerne ißt, - und Creme brûlée ist immer das billigste Dessert auf der Karte, was Frida, als notorischer Schnäppchenjägerin, zum Creme brûlée fan werden ließ. Beide Gerichte werden in der Regel zudem ohne Schaumsauce und diarrhöhischen Saucenspiegel serviert. Warum Kohnke das nicht goutiert und Siebeck sich hierzu nicht äußert, entzieht sich meiner Kenntnis. Aus all`dem lernen wir, daß Restaurantkritik ein überaus diffiziles Gewerbe ist. Frida liest was die Herrn schreiben, läuft in die Etablissements der wärmstens empfohlenen Nicht-Frida-Köche und ärgert sich darüber, daß weder Lamm unter der Kräuterkruste noch Creme brûlée auf der Karte steht und schreibt einen empörten Brief an Siebeck. Oder an Kohnke. Szenenwechsel, irgendwo in Deutschland, aber nicht im Osten: Ein irritierter Souschef eines Nicht-Frida-Kochs pickt mit güldenem Zahnstocher, auf Anweisung seines göttlich inspirierten Patrons, leicht irritiert jede einzelne Blase aus der eben mit dem Mixstab montierten Sauce und sinniert darüber, warum er dem Ratschlag seines Vaters nicht folgte und anstatt bei seinem göttlich inspirierten Patron nicht bei der Post angefangen hat! Einige In-People hatten von Schaumsauce angeblich Plaque bekommen und eine relevante Gruppe liftig fescher Mitfünfzigerinnen entdeckten bei sich eine Hühnerdiahrrö Allergie. Sie haben dem göttlich inspirierten Patron damit gedrohten, ihre Ferraris demnächst anderswo abzustellen. Dort, wo dererlei kitschiger Fitschepup nicht auf den Tisch kommt! Der Reigen schließt sich. Wie man hört, konnte sich Wolfram Siebeck bei der letzten Redaktionssitzung mit seinem Ansinnen, den " Der Feinschmecker" in den "Der Fitschepuper" umzubenennen, nicht durchsetzen, wofür ich mich bei Herrn Becker, er soll der Wortführer der Opposition gewesen sein, an dieser Stelle in aller Form bedanken möchte. 400 Mitglieder der weißen Gilde sehen Clauss Peter Lumpp rehabilitiert, wenn nicht gerächt! Auch scheinen sich die Gerüchte in Luft aufzulösen, nach denen der nächste Bertelsmann Restaurantführer unter dem Namen "Der große Frieda" erscheinen soll. Man hat dort beschlossen, Text und Namen nur noch alle zwei Jahre zu ändern. In dieser unsteten Branche ein Fanal der Solidität!
Was Manfred Kohnke vorhat, weiß kein Mensch, wenn er auch sonst rein gar nichts mit ihr gemeinsam hat, Friedas Unberechenbarkeit eint die beiden.
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