Wer gedacht hat, daß sich die Preise für Bordeauxweine irgendwann einmal beruhigen und alles nicht so schlimm kommt, hat recht behalten.
Es ist alles noch viel schlimmer gekommen. Die ersten Listen für den Jahrgang 2000 hinterlassen eine Wirkung, die nur noch von Einschreibebriefen der Steuerfahndung übertroffen wird. Die Bordeauxhändler haben den zum Jahreswende bevorstehenden Währungswechsel auf ihre ganz eigene Art gelöst, indem man in der Preisspalte alles unverändert gelassen hat und das DM Zeichen gegen das Euro Zeichen ausgetauscht hat. Die seit Jahren herbeigesehnte Krise des Weinhandels im oberen Segment, sprich der Grand Cru französischer Provenienz, ist also wieder einmal ausgeblieben. Seit 1982 reibt man sich Jahr für Jahr verwundert die Augen und fragt, "Wer kann das bezahlen?" Die Vermutung liegt nahe, daß die Großhändler kräftig darauf spekulieren, daß reichlich bares Schwarzgeld investiert werden muß, bevor der Euro kleinere und größere fiskalische Missetaten ans Licht bringt. Da mag dem einen oder anderen doch die Idee kommen, daß eine oder andere Kistchen Margaux oder Lafite zu horten um es später gewinnbringend zu verhökern. Das bei der Preisgestaltung ein spekulatives Moment eine gewichtige Rolle spielt, ist jedenfalls völlig klar. Mittlerweile ist es sogar so, daß viele dieser Weine erst gar nicht mehr in den Listen selbst reputierter Händler erscheinen oder mit dem Präventionsvermerk "Preis auf Anfrage" versehen werden. Werden nun wie einst Aal und Radeberger in der DDR Chateau Petrus und La Tache zur Bückware? Sind die großen Weine dem normal sterblichen Weinfreund auf immerdar entzogen? Für die Gastronomie ist die Gruppe der Grand Cru schon lange kein ernsthaftes Thema mehr. Sicherlich findet sich anstandshalber und zur Zierde der Karte die eine oder andere Boutille international renommierter Provenienz. Für den Umsatz spielen solche Weine schon lange keine Rolle mehr. Selbst die zweiten und dritten Gewächse aus Bordeaux haben mittlerweile ein Preisniveau erreicht, daß bei Beibehaltung üblicher Kalkulationsgrundsätze in Bereiche führt, in denen man sich vor ein paar Jahren noch beim Kauf von "Muttis" Zweitwagen bewegte. Glücklich der Jungsommellier, dem ein gütiger Gast ein paar Tropfen des Depots überlassen hat, damit er endlich aus eigener Anschauung weiß, wovon Parker redet.
Nun könnte man natürlich sagen, soll den amerikanischen und asiatischen Tycoonen (in dessen Kellern und Klimaschränken verschwinden ja angeblich all die schönen Kisten) doch Margaux und Lafite im Halse stecken bleiben. Einen angemessenen Gegenwert bekommt man ohnehin schon seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Aber was bleibt uns? Beaujolaise und Chile-Wein? Ach ja, die Überseeweine. Oft als Alternative ebenso angepriesen wie Designerweine iberischer oder italienischer Herkunft. Meistens alkoholreiche, breite und mit viel Holz versehene, langweilige Schönlinge, abgestimmt auf den klebrigen Geschmack von Parker und seinen anonymen Borkenkäfern.
Nun sehen wir "Weinzähne" uns also in der merkwürdigen Situation, daß wir gemeinsam mit finsteren Linken darauf warten, daß das Großkapital endlich "auf die Fresse fällt" und damit aufhört, uns unseren Bordeaux weg zu saufen bzw. was noch schlimmer ist, weg zu horten. Wann steht endlich einer aus unseren Reihen auf und fährt fanalhalber mit einem Mähdrescher einmal quer durch den Weingarten der Familie Le Roy oder Rothschild, um es den Pfeffersäcken einmal richtig zu zeigen?
Wäre in diesen Sphären der Weinbau noch die Sache von Weinbauern bzw. Familien denen per Tradition die Herstellung und der Handel mit qualitativ hochwertigen Gewächsen am Herzen liegt, könnte man sich zurücklehnen und beruhigend sagen: "Gemach, laßt den Mähdrescher stehen und wartet noch ein wenig ab.
Sobald Parker von seiner Leber eingeholt wird und die Produktion seines "Ottokatalogs" für (Wein-)Snobs einstellt und man nirgendwo mehr mit dem exzessiven Verzehr von Granaten-, Bomben- und Hammerweinen angeben kann, wird sich alles wieder regeln. So ist es aber nicht. In diesem Teil der Weinwelt haben Ereignisse stattgefunden, gegen die sich die Reblaus ausnimmt wie ein Furunkel neben den sieben biblischen Plagen Israel. Mit dem Übergang des Besitzes der renommiertesten bordelaiser Chateau in das Portefeuille global agierender Unternehmen, haben sich die Marketingstrategen der Konzerne des bislang altväterlich gehandhabten Handels der edlen Kreszenzen angenommen. Damit einher ging eine radikale Veränderung der Vinifikation, die alle Ecken und Kanten der ehemaligen Individualisten glatt gebügelt hat. Die früher hochgepriesene Langlebigkeit? Wahrscheinlich futsch! Ich kann mir nicht vorstellen, daß die oft schon nach zwei drei Jahren Flaschenreife gut trinkbaren Bordeaux der letzten Jahregänge Alterungspotential aufweisen. Allein an diesem Kriterium ist ersichtlich, wie gründlich die Experten gearbeitet haben. Man hat es nämlich geschafft, dank Parker und seinen Epigonen andere Prioritäten bei der Beurteilung, was einen großen Wein ausmacht, durchzusetzen. Die Veränderung zur schnelleren Trinkbarkeit und leichteren Verständlichkeit konnte man ja auch schlecht mit dem Argument optimierter Kapitalbindung populär machen. Und wie man sieht, findet sich auch immer ein "Papst" , der das Gewünschte postuliert und genügend Schafe die alles nachblöken, weil sie Angst haben, sich sonst zu blamieren. Konnte man sich früher zuverlässig an den Preisen der wichtigen Händler orientieren, um sich ein Bild über das Qualitätsspektrum des aktuellen Jahres zu machen, funktioniert dies schon seit etlichen Jahren nicht mehr. Merkwürdigerweise rennen bemerkenswert viel Involvierte die es eigentlich besser wissen müßten, seien es nun Händler oder Redakteure, mit lautem Gejohle Herrn Parker hinterher. In keinem anderen Bereich der Gastronomie wird soviel gelogen wie in den Artikel sogenannter Analysten und Weinfachleute. All diese Koryphäen schert es anscheinend nicht, daß dem Publikum fälschlicherweise unverdrossen vermittelt wird, daß es noch einen Zusammenhang zwischen Preis und Qualität gibt. Daß die heute üblichen rankings einer ernsthaften Prüfung standhalten würden, darf bezweifelt werden, sobald man zu gastrosophisch einwandfreien Bewertungs-Kriterien zurückkehrt. Über die Festlegung solcher Kriterien könnte sicherlich trefflich gestritten werden, aber die vorherige Betrachtung des Etiketts gehört ganz sicher nicht dazu.
In der Folge beginnen nun auch immer mehr deutsche Winzer, leider auch solche mit beträchtlicher Reputation, sogenannte "Parker-Weine" zu produzieren. Manch Jungsommelier preist die "neue Süße" als letzten Schrei zu allerlei Meeresgetier mit Vanille und Kakao und selbst bei als trocken deklarierten Weinen, gehen die Winzer an die gesetzlich erlaubte Obergrenze unvergorenen Zuckers. Sensorisch sind diese Weine bestenfalls mit Zimtplätzchen in geselliger Runde zu ertragen, zum Essen ist das pappige Zeug jedenfalls deplaziert.
Insgesamt kehren wir zurück zu einem altbekannten Zustand, nämlich dem, daß der Weinfreund viel suchen muß. Nachdem wir Willi Schneider mit seinen Schunkelliedern glücklich überwunden wähnten würde es mich nicht wundern, wenn demnächst Parker und die drei Tenöre "Ohh Mosella" neu zu Gehör brächten, um die ganze Sache so richtig schön rund zu machen.
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