Der anonyme Kulinariker
Ich hatte es immer schon geahnt, dass der Verzehr, wenn nicht sogar schon der Umgang mit Wildkräutern, zu Schäden führt. Nicht nur, dass ich durch eine heimtückische, an Erpressung grenzende Verhaltensweise zur Wiederaufnahme meiner Kolumne gezwungen wurde, nein, man hat mir auch noch ein Thema vorgeschrieben: Die Lieblingsgerichte von Hans Albers!? Zunächst hatte ich natürlich die Idee, die Angelegenheit Ali aufs Auge zu drücken. Ali, der eine oder andere wird sich vielleicht noch erinnern, war mein türkisches Faktotum aus den Krakower Tagen, dem ich immer die Feder überreicht habe, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Das wusste Ali zwar auch nie, aber irgendwie hat ihm das niemand übel genommen. Ich vermute, das lag daran, dass niemand verstanden hatte, was er eigentlich meinte. Ali ist jetzt aber Immobilienmakler in Berlin-Kreuzberg, will mit Herr Üzlitürk angesprochen werden und hat, nachdem er gemerkt hat worum es geht behauptet, dass er weder mich noch Hans Albers kennt. Soviel zum Thema Dankbarkeit ehemaliger Untergebener!
Bei den Recherchen zu Hans Albers ist mir zunächst kein kulinarischer Bezug aufgefallen. Ich durfte allerdings lesen, dass Hans Albers trotz einer quantitativ beeindruckenden Filmografie nie mit Marika Rökk gedreht hat. Ich dachte immer, Marika Rökk hat in allen Vorkriegsfilmen mitgespielt. Ganze Regimenter sollen sich nur deswegen geschlossen in Gefangenschaft begeben haben, weil die Propagandaabteilung damit gedroht hat, abends wieder einen Film mit Marika Rökk vorzuführen.
So sehr es mich freute, dass dieser Kelch an Hans Albers vorbeigegangen ist, umso verärgerter war ich darüber, dass er in seinem gesamten Schaffen das Thema Kulinarik anscheinend völlig ignoriert hatte. Als Hamburger hätte er ja wenigstens mal ein Lied über Labskaus intonieren können. Er hat aber nur über Unessbares wie Möwen, Gorillas und 13 alte Esel gesungen. Selbst im letzten Fall hat er die Chance verpasst, den Bogen zur Salami zu schlagen. Ansonsten nur Sauflieder. In seiner Biographie findet sich dann interessanterweise der Hinweis, dass der Mann Alkoholiker war.
Alkohol und keine Kulinarik! Langsam dämmerte mir der Zusammenhang zwischen meinen Auftraggebern und dem gesetzten Thema. Niemand entkommt auf Dauer der Aura Grimmens, es sei denn, er oder sie ist natural stoned oder völlig unsensibel. Ich sah vor meinem inneren Auge eine finstere Szene. Ein Komplott. Die Herrschaften werden wohl nach einer Bilanzbesprechung oder einem anderen fadenscheinigen Grund zum Saufen gewettet haben, dass mir zu dem Thema nichts einfällt. Ich hoffe nur, dass es um was Besseres ging als um eine Runde Bockwurst.
Nachdem ich erkannt hatte, dass ich, wie es der Bayer so schön sagt, „gepflanzt“ werden sollte, wurde es natürlich etwas leichter, ein an sich ernsthaftes Thema etwas nonchalanter anzugehen.
Ich behaupte jetzt einfach mal, hinter dem Liedgut von Hans Albers stand eine kryptische Botschaft, mit der er schon in der Zeit seines Wirkens zwischen 1950 und 1959 den Siegeszug makrobiotischer Kost, der Bio-Szene an sich sowie das Auftreten Unkraut produzierender Betriebe in Vorpommern prophezeit hat. Möglicherweise hat er sich das im Delirium ausgedacht. Oder es war einem Gelübde geschuldet, weil er Marika Rökk als Filmpartner entgangen war. Mir ist das ehrlich gesagt egal. Ich empfinde es jedenfalls als bedeutsam und ehrenhaft, als Erster entdeckt zu haben, dass bei Hans Albers Sinnhaftigkeit jenseits der Reeperbahn zu finden ist.
Gleich zu Beginn des Jahres 1950 setzte er mit dem Lied „Föhn“ ein Fanal! Wer bekam damals angesichts der vorherrschenden Plumpsküche keinen Föhn? Natürlich begnügte sich Albers nicht mit diesem fast stummen Schrei. Gleich mit dem nächsten Lied „Das gibt es nur in Texas“ kam die ultimative Aufforderung, kulinarisch mal etwas über den teutonischen Tellerrand hinaus zu schauen. Wir wissen was daraus geworden ist. Aber das kann man Albers nicht zum Vorwurf machen. Jedes Hamburgers Phantasie war seinerzeit damit überfordert, hinter dem Angebot eines Hamburgers (ob mit oder ohne Ketchup) etwas Übles zu erahnen. Gleichwohl muss man heute sagen, es wäre besser gewesen, wenn er es nicht gesungen hätte.
Nach einigen Belanglosigkeiten kam dann mit „Beim ersten mal da tut’s noch weh“ der Durchbruch. Er schildert ergreifend den erstmaligen Verzehr einer Portion Bircher Müsli um mit „Dem Lied vom Nigger Jim“ gleich noch eins drauf zu setzen. Ich frage Sie, wer hat in der damaligen Zeit schon an „fair traid“ gedacht, außer Hans Albers? Mit der Aufforderung „Kleine Möwe flieg nach Helgoland“ hat er sich als Pionier gegen übermäßigen Fleischverzehr ebenfalls weit vor der Zeit einen Namen gemacht. Heute sind Möwen, nicht nur in Helgoland, ganz selbstverständlich vom Verzehr ausgenommen. Nicht mal im Döner findet man Möwe, obwohl sich dort sonst alles findet was eine Chance hat, in Zahnlücken hängen zu bleiben. Das verdankt die Möwe Hans Albers. Auch wenn er in seinem späteren Werk mit Liedern wie „Der Mensch muss eine Heimat haben“ und „Trippel trippel trapp“ den Pfad der Erleuchtung verließ, schlage ich vor, Hans Albers postum mit dem Ehrentitel „anonymer Kulinariker“ zu ehren. Nota bene, wenn auch die Umstände und der Anlass dieser „Entdeckung“ leicht entwürdigende Züge trugen, sollte man sich Gedanken darüber machen, ob es nicht sinnvoll wäre, in dieser Richtung weiter zu forschen. Vielleicht finden sich auch im Werk von Künstlern wie Roy Black, Screaming Lord sutch und Petula Clark versteckte Botschaften, die den Titel „anonymer Kulinariker“ rechtfertigen. Ich mache solange mit, bis jemand Marika Rökk oder Hartmut Mehdorn vorschlägt. Da lass ich nicht mit mir verhandeln!
Der anonyme Kulinariker
Ich hatte es immer schon geahnt, dass der Verzehr, wenn nicht sogar schon der Umgang mit Wildkräutern, zu Schäden führt. Nicht nur, dass ich durch eine heimtückische, an Erpressung grenzende Verhaltensweise zur Wiederaufnahme meiner Kolumne gezwungen wurde, nein, man hat mir auch noch ein Thema vorgeschrieben: Die Lieblingsgerichte von Hans Albers!? Zunächst hatte ich natürlich die Idee, die Angelegenheit Ali aufs Auge zu drücken. Ali, der eine oder andere wird sich vielleicht noch erinnern, war mein türkisches Faktotum aus den Krakower Tagen, dem ich immer die Feder überreicht habe, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Das wusste Ali zwar auch nie, aber irgendwie hat ihm das niemand übel genommen. Ich vermute, das lag daran, dass niemand verstanden hatte, was er eigentlich meinte. Ali ist jetzt aber Immobilienmakler in Berlin-Kreuzberg, will mit Herr Üzlitürk angesprochen werden und hat, nachdem er gemerkt hat worum es geht behauptet, dass er weder mich noch Hans Albers kennt. Soviel zum Thema Dankbarkeit ehemaliger Untergebener!
Bei den Recherchen zu Hans Albers ist mir zunächst kein kulinarischer Bezug aufgefallen. Ich durfte allerdings lesen, dass Hans Albers trotz einer quantitativ beeindruckenden Filmografie nie mit Marika Rökk gedreht hat. Ich dachte immer, Marika Rökk hat in allen Vorkriegsfilmen mitgespielt. Ganze Regimenter sollen sich nur deswegen geschlossen in Gefangenschaft begeben haben, weil die Propagandaabteilung damit gedroht hat, abends wieder einen Film mit Marika Rökk vorzuführen.
So sehr es mich freute, dass dieser Kelch an Hans Albers vorbeigegangen ist, umso verärgerter war ich darüber, dass er in seinem gesamten Schaffen das Thema Kulinarik anscheinend völlig ignoriert hatte. Als Hamburger hätte er ja wenigstens mal ein Lied über Labskaus intonieren können. Er hat aber nur über Unessbares wie Möwen, Gorillas und 13 alte Esel gesungen. Selbst im letzten Fall hat er die Chance verpasst, den Bogen zur Salami zu schlagen. Ansonsten nur Sauflieder. In seiner Biographie findet sich dann interessanterweise der Hinweis, dass der Mann Alkoholiker war.
Alkohol und keine Kulinarik! Langsam dämmerte mir der Zusammenhang zwischen meinen Auftraggebern und dem gesetzten Thema. Niemand entkommt auf Dauer der Aura Grimmens, es sei denn, er oder sie ist natural stoned oder völlig unsensibel. Ich sah vor meinem inneren Auge eine finstere Szene. Ein Komplott. Die Herrschaften werden wohl nach einer Bilanzbesprechung oder einem anderen fadenscheinigen Grund zum Saufen gewettet haben, dass mir zu dem Thema nichts einfällt. Ich hoffe nur, dass es um was Besseres ging als um eine Runde Bockwurst.
Nachdem ich erkannt hatte, dass ich, wie es der Bayer so schön sagt, „gepflanzt“ werden sollte, wurde es natürlich etwas leichter, ein an sich ernsthaftes Thema etwas nonchalanter anzugehen.
Ich behaupte jetzt einfach mal, hinter dem Liedgut von Hans Albers stand eine kryptische Botschaft, mit der er schon in der Zeit seines Wirkens zwischen 1950 und 1959 den Siegeszug makrobiotischer Kost, der Bio-Szene an sich sowie das Auftreten Unkraut produzierender Betriebe in Vorpommern prophezeit hat. Möglicherweise hat er sich das im Delirium ausgedacht. Oder es war einem Gelübde geschuldet, weil er Marika Rökk als Filmpartner entgangen war. Mir ist das ehrlich gesagt egal. Ich empfinde es jedenfalls als bedeutsam und ehrenhaft, als Erster entdeckt zu haben, dass bei Hans Albers Sinnhaftigkeit jenseits der Reeperbahn zu finden ist.
Gleich zu Beginn des Jahres 1950 setzte er mit dem Lied „Föhn“ ein Fanal! Wer bekam damals angesichts der vorherrschenden Plumpsküche keinen Föhn? Natürlich begnügte sich Albers nicht mit diesem fast stummen Schrei. Gleich mit dem nächsten Lied „Das gibt es nur in Texas“ kam die ultimative Aufforderung, kulinarisch mal etwas über den teutonischen Tellerrand hinaus zu schauen. Wir wissen was daraus geworden ist. Aber das kann man Albers nicht zum Vorwurf machen. Jedes Hamburgers Phantasie war seinerzeit damit überfordert, hinter dem Angebot eines Hamburgers (ob mit oder ohne Ketchup) etwas Übles zu erahnen. Gleichwohl muss man heute sagen, es wäre besser gewesen, wenn er es nicht gesungen hätte.
Nach einigen Belanglosigkeiten kam dann mit „Beim ersten mal da tut’s noch weh“ der Durchbruch. Er schildert ergreifend den erstmaligen Verzehr einer Portion Bircher Müsli um mit „Dem Lied vom Nigger Jim“ gleich noch eins drauf zu setzen. Ich frage Sie, wer hat in der damaligen Zeit schon an „fair traid“ gedacht, außer Hans Albers? Mit der Aufforderung „Kleine Möwe flieg nach Helgoland“ hat er sich als Pionier gegen übermäßigen Fleischverzehr ebenfalls weit vor der Zeit einen Namen gemacht. Heute sind Möwen, nicht nur in Helgoland, ganz selbstverständlich vom Verzehr ausgenommen. Nicht mal im Döner findet man Möwe, obwohl sich dort sonst alles findet was eine Chance hat, in Zahnlücken hängen zu bleiben. Das verdankt die Möwe Hans Albers. Auch wenn er in seinem späteren Werk mit Liedern wie „Der Mensch muss eine Heimat haben“ und „Trippel trippel trapp“ den Pfad der Erleuchtung verließ, schlage ich vor, Hans Albers postum mit dem Ehrentitel „anonymer Kulinariker“ zu ehren. Nota bene, wenn auch die Umstände und der Anlass dieser „Entdeckung“ leicht entwürdigende Züge trugen, sollte man sich Gedanken darüber machen, ob es nicht sinnvoll wäre, in dieser Richtung weiter zu forschen. Vielleicht finden sich auch im Werk von Künstlern wie Roy Black, Screaming Lord sutch und Petula Clark versteckte Botschaften, die den Titel „anonymer Kulinariker“ rechtfertigen. Ich mache solange mit, bis jemand Marika Rökk oder Hartmut Mehdorn vorschlägt. Da lass ich nicht mit mir verhandeln!
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Michael Laumen im Jahr 2008
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