Seit 1976 begleitet die Zeitschrift Gourmet, Edition Willsberger, Deutschlands elitäre Feinschmeckergemeinde durch eine unglaubliche Periode des Aufstiegs deutscher Küchenkultur. Mehlpamps und Toast Hawaii, unsägliche Gerichte gut durchgebratenen Fleisch´s "a la Bombay" mit Bananen und Krafts Scheibletten belegt, dominierten das Angebot einer steifen, frackbezwängten Gastronomie die sich auch 50 Jahre nach Escoiffier nicht aus dessen Schatten lösen wollte. Ganz zu schweigen von den sogenannten bürgerlichen Häusern, deren übel riechendes Angebot in jeder Hinsicht mit dem der HO Gaststätten der DDR vergleichbar war, in denen sich die Küchenphilosophie, daß alles Verdaubare auch essbar ist, bis in die jüngste Vergangenheit gehalten hat. 101 Ausgaben lang wurde der Fotograf Willsberger, dessen Stil die heutige Food-Fotografie geprägt hat wie kein zweiter, nicht müde einen "reinen Stil" der Küche zu vermitteln und zu propagieren. Auf diese Weise hat er selbst dazu beigetragen, die puristische Anrichteweise damals junger Spitzenköche zu propagieren und zwischenzeitlich zum normativen Standard in der gehobenen Gastronomie werden zu lassen. Mit der 101 Ausgabe hat das Magazin sein Erscheinen eingestellt. Man ist müde geworden und möchte ganz offensichtlich nicht an einer sich abzeichnenden epigonischen Phase der Küchenkultur teilnehmen, nachdem die Heroen der nouvelle cuisine in den unterschiedlichsten Varianten, einer nach dem anderen, abtreten.
Das jemand der kulinarisch mit Eckart Witzigmann groß geworden ist mit einem buntbetuchten Marquart nicht viel anfangen kann, ist nachvollziehbar. Wahrscheinlich irritiert es Menschen wie Willsberger auch, daß ein Eckart Witzigmann plötzlich gemeinsam mit Herrn Biolek Kochbücher herausgibt. Aber nachdem Paul Bocuse´s Konterfei schon vor Jahren auf den Etiketten allerlei Dosenfrüchte erschien, wurde klar, daß sich etliche der großen Protagonisten in einer Bandbreite, die von offensichtlicher Raffgier bis zur Rettung vor dem finanziellen Ruin reicht, pekuniären Zwängen und Gelegenheiten nachgaben, war klar, daß sich eine Epoche dem Ende zuneigt. Das dabei etliche der Ideale auf der Strecke blieben, ist für den Vorgang der Kommerzialisierung normal, aber für den Puristen gleichwohl schwer zu ertragen. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß nicht wenige der großen Küchenchefs der ersten und zweiten Stunde ökonomisch gescheitert sind, weil sie kein Publikum fanden, daß Ihre Künste ausreichend honoriert hätte. Jedem der älter wird passiert es, daß die alten Weggefährten und Freunde immer weniger werden und alles was nach-kommt, ist zunächst einmal nur laut. Jedenfalls nicht so schön wie früher. Das Unschönste daran ist, daß man von der Rolle des Akteurs in die Rolle des Zuschauers gerät, ohne daß jemand fragt, ob man damit einverstanden ist. Anstatt nun dem landläufigen Prinzip alternder Menschen zu folgen und gnatzig der nachwachsenden Generation die Leviten zu lesen oder dem Zeitgeist folgend sein Lebenswerk meistbietend zu versilbern, stellt Herr Willsberger den Betrieb ganz einfach ein. Ohne Willsberger kein Gourmet. Chapeau!
Begleitet wird das als "Großes Finale" getitelte Heft 101 von 32 Rezepten großer Köche unserer Zeit. Es ist interessant zu sehen, wer in Johanns Willsberger Auswahl alles nicht (mehr) dabei ist. Auch irgendwie typisch, man hat darauf verzichtet einen schnulzigen Abgang mit den primären Akteuren der letzten 25 Jahre, inklusive Grußwort von Walter Scheel an das Ende des Erscheinens eines außergewöhnlichen Magazins zu setzen. Ob Johann Willsbergers Wunsch, daß ein Anderer an seine Stelle tritt und den Weg der großen Köche kommender Grand Cuisine mit Kamera und Stift so qualifiziert begleitet wie er dies 25 Jahre lang tat in Erfüllung geht? Er würde es jedenfalls schwer haben. Johann Willsberger hat Maßstäbe gesetzt. Hohe Maßstäbe.
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